Regensburger Bibelfiguren stellen sich vor
Die Bibel entdecken, gestalten und ganzheitlich erleben
In meiner Kindheit schon hat mich das Kripperlschauen in der Weihnachtszeit in den Regensburger Kirchen begeistert.
Als in der eigenen Familie die Kinder heranwuchsen, war das Krippenbauen eine selbstverständliche, den ganzen Advent ausfüllende Beschäftigung. Jedes Jahr kamen ein paar neue Figuren dazu. An Lichtmess aber wurde die ganze Pracht wieder für ein Jahr eingepackt.
In dieser Zeit habe ich mit verschiedenen Materialien gearbeitet..
1995 lernte ich im Rahmen eines Bibelwochenendes Bibelfiguren kennen. Diese Figuren haben großen Eindruck auf mich gemacht und die Lust zum Herstellen geweckt. Gute Freunde haben mich zu dieser Arbeit ermutigt und die Nachfrage nach Kursen hat mich darin bestärkt.
Im November 1995 entstanden so die ersten Regensburger Bibelfiguren. Bis heute wurden die Materialien und die Herstellungstechnik immer weiter verbessert.
Im Kursangebot sind jetzt neben den Figurenkursen auch Werkkurse zur Herstellung von Tieren und Kulissen sowie anderem Zubehör wie zum Beispiel einem Thron und einem Boot oder einem Zelt. Ebenso hat sich die Zahl der Kurse erhöht.
Die Werkkurse werden angeboten in den Pfarreien oder für interessierte Gruppen bis zu 12 Personen.
Da man diese Figuren nicht kaufen kann und sie selbst herstellt, entwickelt sich ganz selbstverständlich schon in der Herstellungsphase eine ganz besondere Beziehung. Jede Figur ist ein Unikat.
Bei der Beschäftigung mit der Figur hat man auch immer die biblische Person, welche gefertigt werden soll, in Gedanken, und man möchte soviel wie möglich über sie erfahren.
Mit diesen Vorbereitungen ist es nicht mehr schwer sich in die Szene hinein zu versetzen. Die intensive Auseinandersetzung mit der Figur und der biblischen Person macht uns auch vertraut mit der Bibel.
Eingesetzt werden die Figuren z. B. in der Familie als Weihnachts- oder Jahreskrippe, im Kindergarten, um Jesusgeschichten anschaulich zu erzählen, in der Schule im Religionsunterricht, in den Pfarreien bei Bibelkreisen, zu Gottesdiensten, zur Sakramentenvorbereitung, als meditative Mitte bei Besinnungstagen, bei Exerzitien, oder als Jahreskrippe in der Kirche. Auch die Szene des Sonntagsevangeliums im Eingangsbereich eines Pfarrhauses ist lebendige Verkündigung.
Berührungsängste bei Personen ohne Figurenerfahrung sind meist nach dem ersten näheren Kontakt ausgeräumt. Zurückzuführen sind solche Ängste oft auf unsere Prägung. Der Sprache wird häufig eine unangemessen große Bedeutung zugeordnet. Sprachwissenschaftler haben herausgefunden, dass nur etwa zehn Prozent einer Aussage, die gemacht wird, tatsächlich vom gesprochenen Wort abhängt. Der übrige Teil setzt sich zusammen aus Elementen wie Situation, Zusammenhang, Beziehungsdimension, Intonation und Körpersprache.
Eine weitere Bedeutung erlangen die Figuren als „Hingucker“. Ein Pfarrer hat das so ausgedrückt: „Zuerst muss de Leut gfalln, dann redet man darüber.“ Figuren können Hilfsmittel sein um ins Gespräch zu kommen.
Ein Teilnehmer einer Bibelarbeit hat seine erste Begegnung mit Figuren wie folgt beschrieben: „Um den Sinn des biblischen Textes nicht mit Worten sondern mit Figuren auszudrücken, musste ich mich ganz intensiv mit dem Text auseinandersetzen. Ich versenkte mich in das Geschehen, identifizierte mich mit einzelnen Menschen, mit ihrer Situation, mit ihren Anliegen. Ich ergriff Partei für sie, erlebte Betroffenheit. Und ehe ich es merkte, war ich am Geschehen beteiligt. Ich stellte einerseits die Rolle der Figur der Erzählung dar, bin aber andererseits in die Figur geschlüpft und habe das Geschehen an mir selbst erfahren. Ich überprüfte die Aussage der Gebärde, die ich dargestellt hatte und verglich sie mit dem Anliegen, das ich zum Ausdruck bringen wollte. Mir schien, dass die Haltung der Figur mehr vermitteln konnte, als ich es mit vielen Worten hätte sagen können. Beim Versenken in den Text bin ich so im Spiel in Bereiche gelangt, die ich sonst nie erreicht hätte.“ (Zitat aus: Kreatives Arbeiten mit Biblischen Figuren, Anneliese Hecht, Stuttgart)
Die Arbeitsweisen mit den Figuren sind sehr vielfältig. Ausgehend von einer „fertigen“ Szene kann die Erzählung fortgeschrieben oder zurückverfolgt werden. Ist die Szene von der Leiterin oder dem Leiter vorbereitet, kann sie/er auch den Ablauf mitbestimmen.
Beginne ich mit Personen, die im Text erwähnt sind, kann ich die Begebenheit Schritt für Schritt erarbeiten. Ich kann mich selbst ins Geschehen mit einbringen oder kann Randfiguren zur jeweiligen Situation erzählen lassen. Auf diese Weise schaffe ich sehr viel Freiraum für die Teilnehmer.
Eine gestellte Szene als Mitte kann zur Meditation einladen.
An den Anfang jeder Figurenarbeit sollten wir das Vertrautmachen mit der Figur selber stellen. Das Umsetzen einer inneren Haltung in eine äußere Geste erfordert genaues Beobachten und sorgfältiges Stellen der Figuren. Nur wenn der Körperausdruck stimmig ist, d. h. wenn die ganze Figur gut durchbewegt ist, kann ich eine Botschaft vermitteln.
Da bewusst auf eine Gestaltung des Gesichtes verzichtet wird, ist die Figur in ihrer Stimmung und Befindlichkeit nicht festgelegt. Deshalb gewinnt die Gestik, Körperhaltung und die Stellung im Raum und zu den anderen Figuren oder Gegenständen eine besondere Bedeutung.
Da die Figuren einen festen Stand durch die Bleifüße haben und voll beweglich sind, sind vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten gegeben. Die Erfahrung hat gezeigt, dass z. B. Teilnehmer von Bibelgesprächsrunden, die kaum Wortbeiträge brachten, nach anfänglichem Zögern die Figurenarbeit sehr gut angenommen haben zum Nutzen der ganzen Gruppe.
Die Kleidung der Figur kann die Aussage ebenfalls unterstützen. Sie wird mit einfachen Zuschnitten aus natürlichen Materialien wie Wolle, Leinen oder Seide angefertigt.
Requisiten haben bei sparsamem und planvollem Einsatz durchaus eine positive Wirkung.
Die Gestaltung der Räume mit farbigen Tüchern vermittelt äußere Landschaften wie Wüste, See, Weide, Wege ebenso wie innere „Landschaften“ (frohe Ereignisse auf hellen Tüchern, dunkle Stimmungen auf schwarzen Tüchern).
Hat man sich erst einmal in die Welt der Bibel und der Bibelfiguren gewagt, wird man immer neue Möglichkeiten entdecken.
Die Möglichkeit viele Sinne anzuregen ist ein großer Vorteil der Bibelarbeit mit Figuren. Durch das ganzheitliche Erleben bleiben uns die Botschaften viel besser in Erinnerung. Konfuzius drückt das wie folgt aus: “Sage es mir und ich vergesse es, zeige es mir und ich erinnere mich, lass es mich tun und ich behalte es.“ Deshalb ermutige ich Sie, es nicht beim Lesen dieser Zeilen zu belassen, sondern die Arbeit mit den Bibelfiguren auszuprobieren. Dazu werden Kennenlernbibelarbeiten mit Figuren angeboten.
Bei aller Freude mit der Figurenarbeit dürfen wir ihre Wertigkeit nicht vergessen. Sie darf ihre dienende Funktion nicht verlieren. Die biblische Botschaft steht immer im Vordergrund und die Figur ist ein Werkzeug, sie besser zu verstehen und zu begreifen. Mit dieser Einstellung kann die Bibelfigur eine gute Hilfe in der Bibelarbeit sein.